Fahrer helfen Fahrern. Enorme Hilfsbereitschaft für gestrandete Fernfahrer und Flüchtlinge

Wegen des Kriegs in der Ukraine sitzen in Deutschland verzweifelte Fernfahrer aus dem Osten fest. Sie können nicht mehr in ihre Heimat fahren oder haben Angst vor der Rückfahrt. Zudem wissen viele nicht einmal, ob es ihr Zuhause überhaupt noch gibt.

Fahrer helfen Fahrern. Enorme Hilfsbereitschaft für gestrandete Fernfahrer und Flüchtlinge
Adobe Stock / Tomasz Zajda

Über die aktuelle Situation und die enorme Spendenbereitschaft haben wir mit Juan Pedro Rosales, Berufskraftfahrer und Vorsitzender des Kraftfahrerkreis Südbaden sowie Anna Kuzynin von der Non-Profit-Organisation Truckers Life Foundation gesprochen.

Der Berufskraftfahrer Juan Pedro Rosales nimmt selbst aktiv an der Initiative der Facebook-Gruppe Sos Nothilfe für Trucker aus dem Osten teil. Diese hilft Fernfahrern, die wegen des Ukraine-Kriegs in Deutschland gestrandet sind. Der Gruppe haben sich bereits 2700 Mitglieder angeschlossen, die deutschlandweit Hilfe leisten.

Sabina Koll, Trans.INFO: Pedro erzähl mir bitte mehr über Eure Initiative?

Juan Pedro Rosales, Vorsitzender des Kraftfahrerkreis Südbaden: Die Gruppe auf Facebook – Sos Nothilfe für Trucker aus dem Osten – dient zur Hilfeleistung für die Fernfahrer aus der Ukraine, Belarus und Russland, da sie kein Geld haben. Deren Kreditarten und Tankkarten sind gesperrt. Dank dieser Gruppe bekommen wir Meldung mit Postleitzahlen, wo ein LKW steht. Die Meldung wird dann geprüft, ob der Fahrer Hilfe benötigt und was genau er braucht. Das veröffentlichen wir und anschließend melden sich Helfer, die in der Nähe wohnen.

Wer hilft den gestrandeten LKW-Fahrern, sind das auch Kraftfahrer?

Nein, also 90 Prozent der Helfer sind keine Fahrer. Das sind Personen, die einfach Hilfe leisten möchten. Wir, also der Kraftfahrerkreis Deutschland beteiligt sich auch mit.

Wie sieht die Situation jetzt aus?

Bei mir in Süddeutschland gibt es mittlerweile nicht mehr so viele LKW-Fahrer. Ich hatte sieben Meldungen bekommen und letzte Woche haben wir davon drei Fahrer in die Ukraine mit dem Zug geschickt, da sie unbedingt nach Hause wollten. Deren LKW haben wir in Sicherheit gebracht. In Norddeutschland gibt es mehrere Meldungen über gestrandete Fahrer, die weiterhin Hilfe benötigen.

Auf die Frage nach mehr Details antwortete Juan Pedro Rosales sofort:

Details darf ich nicht weitergeben, da die Fahrer angegriffen worden sind und Angst haben. Sie wollen sich nicht fotografieren lassen und wollen auch keine Interviews geben. Sie halten sogar nicht auf Raststätten oder Autohöfen, weil sie Angst haben, dass sie gesehen werden.

Wer betroffene Kraftfahrer sieht oder helfen möchte, kann sich an die folgenden Adressen wenden:

Kraftfahrer oder Hilfstransport gesucht? Truckers Life hilft!

Die Stiftung für Berufskraftfahrer Truckers Life beteiligt sich nicht direkt an den Hilfsaktionen für die Fernfahrer aus Russland, Belarus und der Ukraine, sondern organisiert Hilfstransporte und bringt humanitäre Organisationen mit hilfsbereiten Kraftfahrern aus der EU zusammen.

Was die Stiftung im Detail tut und wie sich LKW-Fahrer den Aktionen anschließen können? Darüber sprachen wir mit Anna Kuzynin, Strategic Partnership Development Manager der Stiftung.

Sabina Koll, Trans.INFO: Frau Kuzynin wo ist die Stiftung derzeit tätig?

Anna Kuzynin, Strategic Partnership Development Manager der Truckers Life Stiftung: Wir sind derzeit in Polen tätig aber teilweise auch in Deutschland, da wir die Transporte jetzt innerhalb Deutschlands suchen. Wir beteiligen uns nicht direkt bei den Hilfsaktionen für die gestrandeten Fernfahrer, sondern an Hilfstransporten für die Ukraine und arbeiten zusammen mit Kraftfahrerkreisen aus Deutschland und Österreich.

Welche Unterstützung bietet Truckers Life?

Wir haben bereits mehrere Ladungen direkt in die Ukraine organisiert, aber auch mehrere Ladungen für eine Unterstützungsaktion der polnischen Bürger, die privat Hilfe für die geflüchteten Ukrainer leisten, unterstützt.

Zudem helfen wir bei Transporten nahe Warschau, wo über tausend Flüchtlinge derzeit in einer Halle untergebracht sind.

Wir unterstützen Vereine und Initiativen in Deutschland, die kleine Ladungen z. B. zwei Paletten gesammelt haben und die nach Polen geliefert werden sollen. Parallel helfen wir großen Organisationen wie PAH – der Polnischen Humanitären Hilfe.

Was wird am meisten benötigt?

Es fehlt praktisch weiterhin Alles. Es werden Kinderwagen, Bettwäsche, Decken, Klamotten, Schuhe etc. benötigt, da die Leute nur mit einer Tasche geflohen sind. Auf Anfrage senden wir eine aktuelle Liste mit benötigten Sachen zu.

Wie sieht die Situation jetzt an der Grenze zur Ukraine aus?

Die Situation ist weiterhin extrem schwierig. Wir haben vor zwei Wochen angefangen und arbeiten praktisch rund um die Uhr. Es melden sich bei uns alle möglichen Hilfsorganisationen, die Hilfe leisten möchten wie Kirchen oder Gemeinden, aber auch Privatpersonen oder direkt Berufskraftfahrer. So hat das der bekannte Berufskraftfahrer Bernd Treffkorn getan, der bereits in Rente ist. Er verfügt über ein Lager an der Grenze mit Polen und hat seine Hilfe angeboten, dass man die Hilfsgüter bei ihm zwischenlagern kann, falls keine Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Aus welchem Land melden sich Berufskraftfahrer?

Hilfeleistungen kommen von Kraftfahrern aus Deutschland aber auch aus Österreich. Die Kraftfahrer haben wirklich ein großes Herz, was sie bereits mehrmals bewiesen haben. Sie melden sich direkt bei uns und möchten trotzt Risiko fahren, wenn wir ihnen einen LKW stellen. Viel wird auch über Kraftfahrerkreise organisiert.

Wenn ich helfen möchte, wie erreiche ich eure Stiftung am besten?

Am schnellsten erreicht man uns über unser Kontaktformular. Wer Hilfsgüter gesammelt hat und diese nicht befördern kann oder nicht weiß wohin diese gehen sollen, meldet sich bitte bei uns. Aber auch wer Platz zur Verfügung hat, wo man Waren nahe der deutsch-polnischen Grenze zwischenlagern kann, kann sich bei uns melden.

Wer der Stiftung helfen möchte, kann sich an die folgenden Adressen wenden:

Anna Kuzynin, Truckers Life Foundation

Juan Pedro Rosales, Kraftfahrerkreis Südbaden

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