Seit mehr als einer Woche steht eine Sattelzugmaschine mit einer für Deutschland bestimmten Ladung auf dem LKW-Parkplatz „Maasvlakte Plaza“. Der Fahrer, Parviz (Nachname nicht veröffentlicht), nach eigenen Angaben aus Tadschikistan, hat die Fahrt gestoppt. Er erklärt, er werde den Transport erst fortsetzen, wenn ihm der ausstehende Lohn vollständig gezahlt wird.
Nach seiner Darstellung schuldet ihm sein Arbeitgeber – das im litauischen Šiauliai registrierte Unternehmen „Gretvėja“ – mindestens 30.000 Euro.
Zwei Jahre faktisch im Fahrzeug gelebt
Parviz gibt an, für ein litauisches Transportunternehmen mit rund 750 Sattelzugmaschinen zu arbeiten, das Transporte für niederländische Auftraggeber durchführt. In den vergangenen zwei Jahren sei die Kabine seines LKW sein dauerhafter Aufenthaltsort gewesen. Seine Familie habe er in dieser Zeit nicht gesehen.
In den vergangenen sieben Monaten habe er lediglich einen Teil seines ohnehin niedrigen Lohns erhalten.
„Ich habe zwar Zahlungen bekommen, aber nicht meinen vollen Lohn“, sagte Parviz dem niederländischen Regionalportal „Rijnmond“.
Gemeinsam mit der niederländischen Gewerkschaft FNV seien seine Arbeitszeiten neu berechnet worden. Nach Darstellung der Gewerkschaft habe sich dabei gezeigt, dass die Vergütung deutlich unter dem liege, was ihm zustehe. Das Nachrichtenportal nt.nl berichtet, dass in dieser Berechnung weder Urlaubsansprüche noch eine Entschädigung für das dauerhafte Leben in der Kabine berücksichtigt seien.
Das Unternehmen bestreitet eine Unterbezahlung und legte auf Anfrage eine Übersicht zu Arbeitszeiten und Vergütung vor. Nach Angaben der FNV bestätigten diese Unterlagen jedoch im Wesentlichen die Berechnungen der Gewerkschaft. Parviz erklärt, er habe den in der Aufstellung genannten Betrag nicht erhalten.
Mangels Alternativen stellte er seinen LKW auf dem Parkplatz ab und verweigert seitdem die Weiterfahrt.
Ladung als Druckmittel
Der Fahrer beruft sich auf das sogenannte Zurückbehaltungsrecht (Retentierecht). Demnach behält er Fahrzeug und Ladung zurück, bis seine offenen Forderungen beglichen sind. Ein Hinweis am Container informiert darüber, dass die Ware erst ausgeliefert wird, wenn der Lohn gezahlt ist.
Nach Angaben der unterstützenden Gewerkschaft habe es Versuche gegeben, den LKW zu übernehmen. Ein Abschleppwagen sei erschienen, doch die Polizei habe ein Entfernen des Fahrzeugs nicht zugelassen. Der Fahrer sei berechtigt, bis zur Klärung im LKW zu verbleiben.
Parviz gibt zudem an, dass ihm inzwischen gekündigt worden sei.
„Statt meinen Lohn zu zahlen, haben sie versucht, mich ohne Bezahlung aus dem LKW zu drängen“, sagt er.
Hinweise auf strukturelle Probleme
Die Gewerkschaft FNV begleitet den Fall. Nach Angaben von Dennis van Looijen organisierte die Organisation eine kleine Spendenaktion, beschaffte Lebensmittel und übernahm Kosten für Dusche und Parkgebühren. Die notwendigsten Ausgaben seien vorerst gedeckt.
FNV-Vertreter Edwin Atema betont, es handele sich nicht um einen Einzelfall. Ausländische Fahrer – insbesondere aus Drittstaaten – erhielten häufig lediglich Vorschüsse. Die Endabrechnung werde teils bis zur Rückkehr ins Heimatland hinausgeschoben. Dadurch entstehe eine erhebliche Abhängigkeit vom Arbeitgeber.
Die Gewerkschaft verweist darauf, dass Fahrer, die in den Niederlanden arbeiten, Anspruch auf die im niederländischen Tarifvertrag festgelegte Vergütung haben.
Anwerbung in Zentralasien
Parviz arbeitete zuvor in Zentralasien als LKW-Fahrer. Die Aussicht auf höhere Einkommen brachte ihn nach Europa. Über das Internet fand er nach eigenen Angaben ein litauisches Unternehmen, das mehrere tausend Euro pro Monat versprach, wie nt.nl berichtet.
Nach seiner Ankunft in Litauen nahm er an einer Schulung teil. Bereits dort habe er Zweifel entwickelt. Vor seiner Einreise habe er sich über europäische Lenk- und Ruhezeiten informiert. Während der Schulung sei jedoch vermittelt worden, diese müssten auf Anweisung des Managements nicht strikt eingehalten werden.
In den vergangenen zwei Jahren sei er überwiegend in den Benelux-Staaten, Frankreich und Deutschland unterwegs gewesen. Litauen habe er kaum gesehen. Der Lohn sei nach litauischen Standards berechnet worden. Zudem habe der Arbeitgeber verlangt, am Wochenende den Tachografen auszuschalten, damit es so aussehe, als würde er außerhalb des Fahrzeugs ruhen, obwohl er tatsächlich die Zeit in der Kabine verbracht habe.
Nach sieben Monaten nahezu ununterbrochener Arbeit habe er entschieden, sich an möglichen Verstößen nicht weiter zu beteiligen. Kollegen hätten ihm von der Möglichkeit berichtet, den LKW abzustellen und zu protestieren.
Kurz nach Beginn seines Protests habe ein Unternehmensvertreter versucht, die Sattelzugmaschine zu übernehmen. Später sei ein Abschleppwagen geschickt worden. Parviz rief die Polizei. Die Beamten hätten sein Recht anerkannt, bis zur Klärung im Fahrzeug zu bleiben.
Ein Kollege aus Belarus parkte schließlich seinen LKW neben dem von Parviz. Dieser bezeichnete ihn scherzhaft als „Informanten“.
Ungewisse Zukunft
Wie sich der Fall weiterentwickelt, ist offen. Mit der Kündigung verliert Parviz nach eigenen Angaben auch seine Aufenthaltserlaubnis. Er habe vier Wochen Zeit, die Europäische Union zu verlassen. Zugleich kündigt er an, gegen die Kündigung vorzugehen und nach einem neuen Arbeitgeber in Europa zu suchen.
Voraussichtlich werde er die EU zunächst verlassen und erst mit neuer Genehmigung zurückkehren können. Eine bestehende Kündigung könnte die Erteilung einer neuen Arbeitserlaubnis erschweren.
Parviz wirft Arbeitgebern vor, rechtliche Grauzonen gezielt auszunutzen. Zusagen zu Lohn und Arbeitsbedingungen würden häufig nur mündlich erfolgen. Viele Fahrer arbeiteten aus Angst vor Konsequenzen weiter, selbst wenn sie Verstöße bemerkten.
Er kündigt an, so lange auf dem Parkplatz „Maasvlakte“ zu bleiben, bis seine Forderungen erfüllt sind.
Zudem beobachte er, dass einige Unternehmen verstärkt Fahrer aus Drittstaaten wie den Philippinen anwerben. Diese seien mit europäischen Vorschriften häufig noch nicht vertraut. Nach seiner Einschätzung eröffne dies neue Möglichkeiten für Missbrauch. Er sei mit der Erwartung eines strengen Kontrollsystems nach Europa gekommen – seine Erfahrungen hätten dieses Bild jedoch relativiert.
Stellungnahme von „Gretvėja“
Das Unternehmen „Gretvėja“ weist die Vorwürfe in einer Stellungnahme kategorisch zurück. Der Fahrer sei vollständig und vertragsgemäß bezahlt worden. Zudem betont das Unternehmen, Mitarbeitende würden respektiert, und der Betrieb erfolge nach hohen fachlichen und rechtlichen Standards.
Der Transport nach Mannheim war vom niederländischen Speditionsunternehmen „Falco Lines“ aus Ridderkerk beauftragt worden. Laut nt.nl wollte sich das Unternehmen nicht näher äußern. Gegenüber „RTL Nieuws“ erklärte es jedoch, man sei nicht Partei des Arbeitsverhältnisses und nicht verantwortlich für Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.











