Das Wichtigste im Überblick
- Scania hält seine ursprünglichen Erwartungen für den Hochlauf von Elektro-Lkw für nicht mehr realistisch.
- Statt eines Marktanteils von 50 Prozent bis 2030 könnten Elektro-Lkw laut Scania deutlich darunter bleiben.
- Der Anteil batterieelektrischer schwerer Nutzfahrzeuge in der EU liegt derzeit bei lediglich 2,4 Prozent.
- Länder wie Norwegen und die Schweiz erreichen bereits Elektrifizierungsraten von bis zu 20 Prozent.
- China elektrifizierte im vergangenen Jahr rund ein Viertel seines Marktes für schwere Nutzfahrzeuge.
- Levin fordert Europa auf, bei Innovation und Industrialisierung von China zu lernen.
- Sorgen bereiten ihm die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie sowie die wachsende Abhängigkeit von chinesischen Batterielieferanten.
Die europäische Nutzfahrzeugbranche steht nach Ansicht von Scania-Präsident und CEO Christian Levin an einem entscheidenden Wendepunkt. Während die Politik ehrgeizige Klimaziele formuliert und Hersteller Milliarden in neue Antriebstechnologien investieren, bleibt die Marktentwicklung deutlich hinter den Erwartungen zurück.
Im Rahmen eines internationalen Pressegesprächs in Södertälje, an dem auch trans.iNFO teilnahm, äußerte sich Levin ungewöhnlich offen über die Herausforderungen der Elektrifizierung, die Wettbewerbsfähigkeit Europas und die zunehmende Dynamik chinesischer Hersteller.
Im Mittelpunkt seiner Kritik stand dabei nicht allein der schleppende Ausbau der Ladeinfrastruktur. Levin sieht vor allem strukturelle Nachteile Europas gegenüber China. Während chinesische Unternehmen neue Technologien innerhalb weniger Monate zur Marktreife bringen, verliere Europa nach seiner Ansicht zu viel Zeit durch komplexe Entscheidungsprozesse, regulatorische Hürden und langwierige Abstimmungen zwischen Industrie und Politik.
Scania korrigiert seine Erwartungen deutlich nach unten
Noch vor wenigen Jahren ging Scania davon aus, dass Elektro-Lkw bis zum Ende des Jahrzehnts einen Marktanteil von rund 50 Prozent erreichen könnten. Diese Einschätzung hält das Unternehmen inzwischen für unrealistisch.
„Wir gingen davon aus, dass wir bis 2030 einen Anteil von 50 Prozent erreichen würden. Das war unsere Erwartung“, sagte Levin im Gespräch mit internationalen Fachjournalisten.
Die Realität sehe heute deutlich anders aus. Nach Angaben des Unternehmens lag der Anteil batterieelektrischer schwerer Nutzfahrzeuge in Europa im vergangenen Jahr bei rund 2,2 Prozent. Im ersten Quartal 2026 stieg er lediglich auf 2,4 Prozent.
„Ich hoffe, dass wir bis Ende des Jahres zumindest auf vier Prozent kommen. Ich weiß es nicht. Ich hoffe es wirklich. Die Auftragseingänge sind gut, aber wir liegen bei Weitem nicht dort, wo wir eigentlich sein wollten.“
Levin schließt inzwischen nicht aus, dass der Marktanteil bis 2030 eher bei zehn als bei 50 Prozent liegen könnte.
Nicht ganz Europa hinkt hinterher
Dass die Elektrifizierung grundsätzlich funktionieren kann, zeigen aus Sicht des Scania-Chefs einzelne europäische Märkte.
Während die EU insgesamt nur langsam vorankomme, erreichen Länder wie Norwegen und die Schweiz nach Angaben Levins bereits Elektrifizierungsraten von bis zu 20 Prozent bei schweren Nutzfahrzeugen.
Für ihn ist das ein Hinweis darauf, dass nicht die Fahrzeuge das Hauptproblem darstellen, sondern die Rahmenbedingungen.
„Die Technologie ist da. Aber wir brauchen die Infrastruktur und die richtigen wirtschaftlichen Anreize.“
Fehlende Ladeinfrastruktur bremst den Markt
Als Hauptursache für die schleppende Entwicklung nennt Levin den langsamen Ausbau der Ladeinfrastruktur.
„Wir haben an ETS2 geglaubt. Wir haben an die Eurovignette geglaubt. Wir haben an AFIR geglaubt. Und wir haben geglaubt, dass es keinen Krieg in der Ukraine geben würde.“
Viele politische Instrumente seien beschlossen worden, ihre Wirkung komme jedoch deutlich langsamer im Markt an als erwartet.
Während des Round Tables in Södertälje verwies Levin darauf, dass bislang nur ein Bruchteil der ursprünglich geplanten Ladeinfrastruktur entlang der europäischen Hauptverkehrskorridore verfügbar sei. Nach seiner Einschätzung liegt die Umsetzung derzeit bei lediglich rund 20 Prozent der ursprünglichen Planungen.
Besonders kritisch äußerte er sich über Länder, in denen Investitionsanreize für emissionsfreie Nutzfahrzeuge weiterhin unzureichend seien. Als Beispiel nannte Levin Italien, das nach seiner Einschätzung beim Hochlauf der Elektromobilität hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
Gerade im regionalen Verteilerverkehr seien batterieelektrische Lkw bereits heute technisch und wirtschaftlich einsetzbar. Der Markthochlauf werde jedoch vielerorts durch fehlende Infrastruktur und mangelnde politische Unterstützung gebremst.
Elektrifizierung ist auch eine Frage der Energiesicherheit
Levin betrachtet die Elektrifizierung nicht ausschließlich als Klimathema.
Die jüngsten geopolitischen Krisen hätten erneut gezeigt, wie stark Europa von fossilen Energieträgern abhängig sei und wie empfindlich Energiepreise auf internationale Konflikte reagieren könnten.
Nach Ansicht des Scania-Chefs muss die Diskussion deshalb breiter geführt werden. Elektrifizierung bedeute nicht nur weniger CO2-Emissionen, sondern auch mehr Energieunabhängigkeit.
Steigende Ölpreise infolge geopolitischer Spannungen machten deutlich, wie verwundbar die europäische Wirtschaft weiterhin sei. Der Umstieg auf alternative Antriebe könne deshalb auch einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.
China gewinnt deutlich an Tempo
Während Europa weiterhin über Infrastruktur, Förderprogramme und regulatorische Instrumente diskutiert, entwickelt sich der chinesische Markt wesentlich dynamischer.
Nach Angaben Levins waren im vergangenen Jahr bereits rund 25 Prozent des chinesischen Marktes für schwere Nutzfahrzeuge elektrifiziert. Das entspricht etwa 200.000 Fahrzeugen.
„Gleichzeitig sehen wir, dass China sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt.“
Zwar seien viele dieser Fahrzeuge im urbanen Umfeld oder auf kürzeren Strecken unterwegs. Dennoch zeige die Entwicklung, wie schnell sich ein Markt verändern könne, wenn Infrastruktur, Industriepolitik und Investitionen aufeinander abgestimmt seien.
„Wenn wir bei der Elektrifizierung von Lkw und anderen Maschinen weiterhin so langsam vorankommen, wird China seinen Vorsprung weiter ausbauen.“
Für Levin beschränkt sich dieser Vorsprung nicht auf die Elektromobilität. Sorgen bereitet ihm vor allem die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien in China entwickelt und industrialisiert werden. Scania betreibt deshalb nicht nur ein Lkw-Werk, sondern auch ein Entwicklungszentrum mit rund 800 Ingenieuren in China.
„Wir sind auch in China, um zu verstehen, wie sie neue Produkte so schnell industrialisieren können“, erklärte Levin.
Nach seinen Angaben gelingt es chinesischen Unternehmen teilweise, neue Produkte innerhalb von 18 Monaten vom Prototypen bis zur Serienfertigung zu bringen.
Warum China aus Sicht von Scania schneller ist
Nach Ansicht Levins liegt der Unterschied nicht allein in staatlicher Förderung oder niedrigeren Kosten. Er sieht vor allem Unterschiede bei Entwicklungsprozessen und der Zusammenarbeit mit Zulieferern.
Während europäische Unternehmen häufig Monate mit Vertragsverhandlungen, Haftungsfragen und dem Schutz geistigen Eigentums verbringen würden, arbeiteten viele chinesische Unternehmen deutlich pragmatischer zusammen.
„Wir verbringen sechs Monate damit festzulegen, wem welche Technologie gehört“, sagte Levin.
Chinesische Unternehmen würden dagegen bereits gemeinsam an der Entwicklung arbeiten, während europäische Partner noch über Vertragsdetails verhandelten.
„Die Chinesen arbeiten in diesen sechs Monaten bereits an der Lösung“, so Levin.
Für den Scania-Präsidenten ist dies einer der wichtigsten Gründe dafür, warum Innovationen in China häufig deutlich schneller auf den Markt kommen.
„Heute müssen wir von China lernen“
Besonders deutlich wurde Levin beim Thema Wettbewerbsfähigkeit.
Der Scania-Präsident zog dabei einen historischen Vergleich mit der Entwicklung der europäischen Industrie in den 1970er- und 1980er-Jahren.
„In den 1970er- und 1980er-Jahren sind wir nach Japan gegangen, um Lean Manufacturing zu lernen. Heute müssen wir nach China gehen, um zu lernen, wie man neue Technologien schneller industrialisiert.“
Scania betreibt inzwischen nicht nur ein Werk, sondern auch ein Entwicklungszentrum mit rund 800 Mitarbeitern in China. Dort beobachte das Unternehmen, wie neue Produkte innerhalb kürzester Zeit entwickelt und in die Serienfertigung gebracht werden.
„Wenn es in China gelingt, ein Produkt innerhalb von 18 Monaten vom Prototypen in die Serienproduktion zu bringen, dann sollten wir das auch in Europa schaffen können.“
Nach Ansicht Levins profitieren chinesische Unternehmen von schnelleren Entscheidungswegen und einer engeren Zusammenarbeit mit Zulieferern. Während europäische Unternehmen häufig Monate oder Jahre mit Vertragsverhandlungen verbringen würden, arbeiteten chinesische Hersteller und Lieferanten deutlich pragmatischer auf gemeinsame Ziele hin.
Sorge um Europas Batterieindustrie
Besonders kritisch sieht Levin die Abhängigkeit Europas bei Batterien.
China habe sich in den vergangenen Jahren eine dominierende Position entlang großer Teile der Batterie-Wertschöpfungskette aufgebaut.
Levin kritisierte zudem die mangelnde Unterstützung für die europäische Batterieindustrie. Als Beispiel verwies er auf den Batteriehersteller Northvolt.
„Wir haben Northvolt unterstützt. Haben Sie politische Unterstützung gesehen?“, fragte Levin.
Die Folge sei, dass Europa bei Batteriezellen zunehmend von chinesischen Herstellern abhängig werde.
Für Levin ist dies nicht nur eine Frage einzelner Unternehmen, sondern eine strategische Herausforderung für den gesamten Industriestandort.
Die Elektrifizierung des Verkehrs werde künftig nur erfolgreich sein, wenn Europa gleichzeitig seine industrielle Basis stärke und Abhängigkeiten bei Schlüsseltechnologien reduziere.
Sorge um Europas Wettbewerbsfähigkeit
Für Levin geht die Debatte weit über die Zukunft einzelner Antriebstechnologien hinaus.
„Ich mache mir Sorgen um die europäische Industrie, um europäische Arbeitsplätze und damit letztlich auch um unseren Wohlstand“, sagte der Scania-Präsident.
Seine Kritik richtet sich dabei nicht nur an die Politik, sondern an das gesamte industrielle Ökosystem Europas. Ladeinfrastruktur, Genehmigungsverfahren, Batteriefertigung und Innovationsprozesse müssten deutlich schneller vorankommen, wenn Europa seine industrielle Führungsrolle behalten wolle.
„Bitte arbeiten Sie nicht gegen uns. Arbeiten Sie mit uns“, appellierte Levin in Richtung der europäischen Politik.
Aus seiner Sicht entscheidet sich in den kommenden Jahren nicht nur die Zukunft des Elektro-Lkw, sondern die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Industriestandorts Europa.









