Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Die mautpflichtige Fahrleistung deutscher Lkw stieg im Juni gegenüber Mai um 10,5 Prozent und lag damit 8,1 Prozent über dem Wert von Juni 2025.
- Die hohe Auslastung der Flotten ist nicht auf einen plötzlichen Nachfrageschub zurückzuführen, sondern vor allem auf die begrenzte verfügbare Transportkapazität.
- Der ELVIS-Index für Teilladungsverkehre sank im Juli gegenüber Juni um 6,9 Prozent und lag 1,6 Prozent unter dem Wert von Juli 2025.
- Die Geschäftserwartungen der Straßengüterverkehrsunternehmen lagen im Juli 22 Prozent unter dem Niveau von 2025.
- Die Personalkosten im Transport- und Logistiksektor waren im ersten Quartal 3,7 Prozent höher als im gleichen Zeitraum 2025.
- Der Dieselpreis für Großabnehmer sank im Juni gegenüber Mai um 11,8 Prozent, lag aber weiterhin 11,2 Prozent über dem Niveau von 2025.
- AdBlue war im Juni 37,7 Prozent teurer als im gleichen Zeitraum 2025.
- ELVIS empfiehlt Transportunternehmen, vor der Herbstsaison Fahrer und verfügbare Kapazitäten abzusichern.
Der aktuelle Bericht von ELVIS zum deutschen Schwerlastverkehr zeichnet das Bild eines Marktes, in dem der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung und Transportangebot immer schwerer zu erkennen ist. Von einem Wirtschaftsboom oder einer deutlichen Erholung der Industrieproduktion kann keine Rede sein – trotzdem ist es schwierig, einen verfügbaren Lkw zu finden. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent. Die Industrie bleibt jedoch schwach: Die Chemieproduktion ging im Juni gegenüber Mai um 1,8 Prozent zurück, die Maschinenproduktion sogar um 3,9 Prozent.
Der Schwerlastverkehr steht damit unter ungewöhnlichen Bedingungen. Die Nachfrage ist nur moderat, während die Fahrzeuge stark ausgelastet sind, die Kosten steigen und der Fahrermangel immer deutlicher spürbar wird.
Hohe Lkw-Auslastung ohne Konjunkturboom
Besonders auffällig ist die Entwicklung der Fahrleistung mautpflichtiger Lkw. Im Juni legten die Lkw 10,5 Prozent mehr Kilometer zurück als im Mai. Gegenüber Juni 2025 lag der Zuwachs bei 8,1 Prozent.
Auf den ersten Blick könnte dies auf eine kräftige Markterholung hindeuten. ELVIS warnt jedoch davor, daraus vorschnelle Schlüsse zu ziehen.
Eine hohe Auslastung darf nicht mit einem starken Markt verwechselt werden. Entscheidend ist derzeit vor allem, dass verfügbare Transportkapazität fehlt, sagt Nikolja Grabowski, Mitglied des ELVIS-Vorstands.
Auch die Daten aus dem Teilladungsverkehr zeigen ein uneinheitliches Bild. Der ELVIS-Index für Teilladungen sank im Juli gegenüber Juni um 6,9 Prozent und lag 1,6 Prozent unter dem Wert des Vorjahresmonats.
Damit wird die Verfügbarkeit von Transportkapazität zunehmend ebenso wichtig wie die Zahl der vorhandenen Ladungen.
Die Urlaubszeit macht den Fahrermangel sichtbar
Während der Ferienzeit tritt der Engpass besonders deutlich hervor. Im Sommer geht die Transportnachfrage traditionell teilweise zurück. Gleichzeitig verringert sich das tatsächliche Angebot, weil Fahrer ihren Jahresurlaub nehmen.
Nach Einschätzung von ELVIS verfügen viele Unternehmen inzwischen nicht mehr über genügend Personal, um eine echte Reserve vorzuhalten.
Sobald ein Teil der fest angestellten Fahrer im Urlaub ist, kann es schnell zum Problem werden, die vorhandenen Fahrzeuge überhaupt auf die Straße zu bringen, sagt Grabowski.
Fehlt der Fahrer, fällt ein Lkw aus dem Markt – selbst wenn das Fahrzeug technisch einsatzbereit ist. Die nominelle Flottengröße sagt daher nur noch bedingt etwas über die tatsächlich angebotene Kapazität aus.
ELVIS rät den Transportunternehmen, sich vor dem erwarteten Anziehen der Aktivitäten im Herbst auf die Gewinnung und Bindung von Fahrern zu konzentrieren. Laut Bericht haben viele Transportunternehmen allerdings kaum noch Spielraum, ihre Personalsituation kurzfristig zu verbessern.
Fahrer werden zum größeren Kostenfaktor
Der Personalmangel belastet nicht nur die Einsatzplanung, sondern auch die Finanzen der Transportunternehmen.
Im ersten Quartal 2026 lagen die Personalkosten im deutschen Transport- und Logistiksektor 3,7 Prozent über dem Wert des ersten Quartals 2025. ELVIS weist darauf hin, dass die Arbeitskosten weiterhin schneller steigen als das allgemeine Preisniveau. Der Bericht nennt außerdem konkrete Vergütungsdaten für Berufskraftfahrer. Ihr durchschnittliches Bruttomonatsgehalt in Deutschland lag 2025 ohne zusätzliche Leistungen bei 3.400 Euro. Das entspricht 40.800 Euro im Jahr.
Das durchschnittliche Monatsgehalt von Fahrern lag in den westdeutschen Bundesländern bei 3.459 Euro, in den ostdeutschen Ländern bei 3.122 Euro. Einschließlich zusätzlicher Leistungen lag die durchschnittliche Vergütung bundesweit bei 3.524 Euro monatlich beziehungsweise 42.288 Euro jährlich. Das Grundgehalt stieg gegenüber 2024 im Durchschnitt um 4,1 Prozent.
Diesel ist günstiger, bleibt aber schwer kalkulierbar
Auch die Energiekosten sorgen bei den Transportunternehmen für Unsicherheit.
Der Dieselpreisindex für Großabnehmer sank im Juni gegenüber Mai um 11,8 Prozent. Die Entlastung war jedoch begrenzt, denn der Dieselpreis lag weiterhin 11,2 Prozent über dem Niveau von 2025.
ELVIS betont zudem, dass die aktuellen Preisangebote wieder ein hohes Niveau erreicht haben. Für die Unternehmen ist nicht nur die Höhe der Kraftstoffkosten problematisch, sondern auch deren schnelle Veränderung.
Für Spediteure ist nicht allein das Preisniveau entscheidend. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich die Kosten verändern, erschwert verlässliche Transportkalkulationen, sagt Grabowski.
Besonders stark zeigt sich dieses Problem im Spotmarkt. Preise, die kurz vor dem Transport vereinbart werden, müssen Kosten abbilden, die sich innerhalb kürzester Zeit deutlich verändern können.
AdBlue kostet fast 38 Prozent mehr
Der Bericht verweist außerdem auf einen deutlichen Preisanstieg bei einem wichtigen Betriebsmittel.
AdBlue war im Juni 37,7 Prozent teurer als im gleichen Zeitraum 2025, obwohl der Preis gegenüber Mai um 6,1 Prozent zurückging.
Auch die Preise für Dienstleistungen ziehen an. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem ersten Quartal verteuerten sich Dienstleistungen im Straßengüterverkehr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,8 Prozent. Lagerhaltung und damit verbundene Dienstleistungen verteuerten sich um 3,2 Prozent.
Die Gegenwart wird besser bewertet als die Zukunft
Die Geschäftsstimmung im Straßengüterverkehr zeigt einen auffälligen Gegensatz. Im Juli bewerteten die Unternehmen ihre aktuelle Lage 15,6 Prozent besser als 2025. Gleichzeitig fielen ihre Erwartungen für die kommenden Monate um bis zu 22 Prozent.
Allein innerhalb eines Monats verschlechterten sich die Geschäftserwartungen um 2,6 Prozent. Die Umsatzprognosen gingen um 3 Prozent zurück.
Die Unternehmen rechnen daher nicht damit, dass eine hohe Fahrzeugauslastung automatisch zu einer spürbaren Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage führt. Das knappe Transportangebot stützt zwar die Auslastung der Flotten, doch gleichzeitig kämpfen die Betriebe mit höheren Arbeitskosten, schwankenden Energiepreisen und einer schwachen Industrie.
Im Herbst könnten verfügbare Lkw wichtiger sein als die Ladungsmenge
ELVIS erwartet, dass die Bedeutung verfügbarer Kapazitäten nach dem Ende der Ferienzeit weiter zunimmt. Das Netzwerk empfiehlt den Transportunternehmen, Personal und Transportkapazität rechtzeitig vor der erwarteten Erholung im Herbst zu sichern.
Eine eigene Flotte mit fest angestellten Fahrern ermöglicht Unternehmen in einem volatilen Markt eine bessere Kontrolle über die tatsächlich angebotene Kapazität. Gleichzeitig steigt dadurch ihre Abhängigkeit von der Entwicklung der Personal- und Betriebskosten.
Unternehmen, die ihre Fahrer halten, Kapazitäten sichern und die Profitabilität konsequent im Blick behalten, verfügen über die nötige Flexibilität, um sich in diesem schwierigen Markt zu behaupten, fasst Grabowski zusammen.
Der aktuelle ELVIS-Bericht beschreibt damit keine klassische Erholung. Die Ladungsmengen wachsen nicht schnell genug für einen Boom, doch das verfügbare Transportangebot ist so knapp, dass die Auslastung hoch bleibt.
Im Herbst wird die Entwicklung des deutschen Lkw-Marktes deshalb nicht nur von der Zahl der Aufträge abhängen, sondern zunehmend davon, wie viele Fahrzeuge die Unternehmen tatsächlich mit Fahrern besetzen und einsetzen können.









