Neue Wettbewerber kommen. Immer mehr Transportunternehmen ziehen nach Westeuropa

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Laut dem litauischen Transportverband Linava haben 800 Transport- und Logistikunternehmen, die insgesamt über eine Flotte von 8.000 Fahrzeugen verfügen, ihre Niederlassungen außerhalb Litauens gegründet. Für die überwältigende Mehrheit war Polen die erste Wahl. Zu den bevorzugten Ländern gehörten aber auch Deutschland, Dänemark und die Niederlande.

Neue Wettbewerber kommen. Immer mehr Transportunternehmen ziehen nach Westeuropa
autor: KM.Photo

Die von Linava geteilten Zahlen zeigen, dass 700 litauische Transportunternehmen ihre Niederlassungen in Polen haben, wo sie insgesamt 7.000 Lastwagen registrieren ließen. Für ausländische Niederlassungen entscheiden sich gewöhnlich große litauische Transport- und Logistikunternehmen, sagt Zenon Buivydas, Generalsekretär von Linava.Seiner Meinung nach ist es so dank den finanziellen Ressourcen, über die große Akteure verfügen und die es erleichtern, neue Geschäftseinheiten im Ausland zu gründen. Buivydas glaubt, dass sie dadurch ihre Dienstleistungen erweitern und von günstigeren wirtschaftlichen Bedingungen profitieren können.

„Die Auswanderung litauischer Transportunternehmen ins Ausland dauert seit mehreren Jahren an, und wurde noch deutlicher während der Pandemie. Bisher war Polen das Land der ersten Wahl, aber viele Unternehmen entscheiden sich jetzt auch gerne für die Niederlande, Belgien und Deutschland, wo die steuerlichen Rahmenbedingungen günstiger sind. In Anbetracht der Tatsache, dass der Verkehrssektor bis zu 13 Prozent des BIP Litauens erwirtschaftet, bedeutet dies, dass dem Staatshaushalt bei der Verlagerung von Unternehmen ins Ausland ein großer Teil der Einnahmen entgeht, die durch verschiedene von den Transportunternehmen gezahlte Steuern eingeflossen würden“, so Buivydas in einer Mitteilung auf der Internetseite von Linava.

Buivydas warnt davor, dass sich dieser Trend fortsetzen werde, es sei denn Litauen endlich „ein unternehmensfreundlicheres Steuerumfeld“ sowie „schnellere und flexiblere Beschäftigungsbedingungen für Lkw-Fahrer aus Drittstaaten“ bieten werde. 

Auch Vytas Bučinskas, Vizepräsident von Linava, vertritt eine ähnliche Meinung. Er behauptet, dass litauische Frachtführer im Vergleich zu ihren ausländischen Kollegen immer verlieren, weil „der öffentliche Sektor nicht in der Lage ist, schnell auf die sich schnell ändernde Situation zu reagieren und keine unternehmensfreundlichen Entscheidungen trifft“.

„Immer mehr Transportunternehmen entscheiden sich dafür, ihre Geschäftstätigkeit ins Ausland zu verlagern, beispielsweise nach Polen, wo es eine viel flexiblere Politik in Bezug auf die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus Drittstaaten gibt. Für den Beruf des Kraftfahrers, der so stark vom Personalmangel betroffen ist,  gibt es keine Quotenregelung. In unserem Nachbarland wird bei der Bestimmung des Gehalts eines Arbeitnehmers im Transportsektor kein Koeffizient von 1,65 wie in Litauen angewendet, was, wenn er weiterhin so berechnet wird, unseren Sektor gegenüber Transportunternehmen aus anderen Ländern nicht wettbewerbsfähig machen wird“, fügte Bučinskas hinzu.

Dieses Trends ist sich sicherlich Ignas Volbikas, Vorstandsmitglied von Savesta Consulting, einem Unternehmen, das litauische Frachtführer bei der Gründung von Niederlassungen im Ausland unterstützt, bewusst. „Litauische Frachtführer erweitern aktiv ihre Transportflotten in Polen – dabei geht es sowohl um Transportunternehmen, die erst vor kurzem gegründet wurden, als auch um solche, die seit mehr als einem Jahrzehnt in Litauen tätig sind. Der Trend betrifft große, mittlere und kleine Transportunternehmen. Allein unser Unternehmen arbeitet mit mehr als 500 Transportunternehmen zusammen, die in Polen etwa 6.000 Lkw registriert haben. Wir erhalten immer mehr Anfragen von Firmen, die Niederlassungen oder Tochtergesellschaften in Polen gründen möchten. Aus zeitlichen Gründen sind wir nicht in der Lage unsere Dienstleistungen allen anzubieten, weil es so viele Menschen gibt, die es wollen“, so Volbikas.

Obwohl Polen in den meisten Fällen die beliebteste Wahl für litauische Transportunternehmen ist, wenn sie daran denken, eine Niederlassung im Ausland zu gründen, gibt es auch andere bevorzugte Länder. Danguolė Hackel, eine Anwältin aus Hamburg, die Kunden aus Skandinavien und Osteuropa betreut, sagt, dass Unternehmen mit litauischem Kapital regelmäßig in Deutschland gegründet werden. Viele große litauische Firmen haben sich bereits in Deutschland niedergelassen, jetzt ziehen auch mittelständische und sogar kleine Transportunternehmen nach.

„Die Gründung eines Unternehmens in Deutschland bietet nicht nur bessere Möglichkeiten für die Geschäftsentwicklung, sondern hilft auch, viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten des EU-Mobilitätspakets zu lösen. Mit einer Niederlassung in Deutschland und mit einer deutschen Transportlizenz lösen litauische Unternehmen das Problem der Rückkehrpflicht  von Fahrern und LKW. In diesem Fall entfallen auch die Kabotageregeln. Das spart viele Ressourcen und eliminiert viele Risiken, weil es in Deutschland in Bezug auf Kabotage immer häufiger kontrolliert wird. Und wenn man mehrmals bestraft wird, kann die Lizenz entzogen werden“, wird Hackel in der Pressemitteilung von Linava zitiert .

Im letzten Absatz der Pressemitteilung wiederholte der Verband Linava seine Forderung an die litauische Regierung, den Transportunternehmen die Beschäftigung der Lkw-Fahrer aus Drittstaaten zu erleichtern. Der Transportverband betont auch, dass das Kontingent für Visa für LKW-Fahrer aus Drittländern zur Neige geht, was dazu führt, dass ein Fünftel der Flotte des Landes überflüssig wird. Es wird auch behauptet, dass der Fahrermangel in Litauen in vielen Fällen dazu beiträgt, dass Firmen Geldstrafen aufgrund von Verspätungen zahlen müssen, was wiederum dazu führen könnte, dass kleine Frachtführer bankrott gehen.

Die Aussagen aus Linava kommen nur vierzehn Tage, nachdem bekannt wurde, dass der Transportverband eine Fahrschule in Usbekistan gegründet hat, um die Anwerbung von Lkw-Fahrern aus dem asiatischen Land zu unterstützen.

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