Die Wartezeit für Waren aus China beträgt derzeit bereits über 100 Tage. Dies könnte die Lieferungen in der Vorweihnachtszeit gefährden

Die Schließung eines der wichtigsten Containerterminals in China in der vergangenen Woche stellt ein großes Fragezeichen hinter die Sicherheit, dass viele Waren vor Weihnachten bei den Abnehmern ankommen werden. Es kann passieren, dass an Heiligabend viele Säcke mit Geschenken sich noch auf See oder an den Kais der chinesischen Häfen befinden werden.

Die Wartezeit für Waren aus China beträgt derzeit bereits über 100 Tage. Dies könnte die Lieferungen in der Vorweihnachtszeit gefährden
Wikimedia/Alex Needham public domain

Am vergangenen Mittwoch wurde der Meishan-Containerterminal im Hafen Ningbo-Zhoushan auf unbestimmte Zeit geschlossen, nachdem bei einem seiner Mitarbeiter ein Coronavirus der Delta-Variante nachgewiesen worden war.

Das Portal Freightwaves berichtet unter Berufung auf Daten der Firma 44, dass die Auswirkungen der Schließung des Terminals sofort erkennbar waren. Während den Hafen früher durchschnittlich rund 200 Containerschiffe wöchentlich anliefen, ist diese Zahl jetzt auf ca. 60 gesunken.

Die Schließung wird schwerwiegende Auswirkungen haben, da Meishan auf den Umschlag von Fracht nach Nordamerika und Europa ausgerichtet ist. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 5,4 Millionen TEU über den Terminal abgewickelt, was nahezu 20 % des gesamten Containerumschlags im Hafen Ningbo-Zhoushan entspricht. Dabei ist zu betonen, dass es sich hier um den (nach Shanghai) zweitgrößten Hafen Chinas und den drittgrößten der Welt handelt.

Globale Folgen

Otto Schacht, der für Schifffahrtslogistik zuständige stellvertretenden Vorstandsvorsitzende von Kuehne+Nagel, sagte am Tag der Schließung, dass es zwar noch zu früh sei, die Folgen der Entscheidung der Hafendirektion zu beziffern, aber „jeder Tag der Schließung wird auf der ganzen Welt zu spüren sein“.

Akhil Nair, der von Theloadstar.com zitierte stellvertretende Geschäftsführer von Seko Logistics, erwartet, dass die Folgen der Schließung des Terminals im Hafen Ningbo mit den Einschränkungen des Frachtumschlags im Shanghaier Terminal Yantian im Juni vergleichbar sein könnten.

Die Reeder werden sich entscheiden müssen, ob sie andere Häfen ansteuern, um wenigstens einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, was die Lieferfristen anbelangt, zu retten, oder ob sie in Staus und Warteschlangen stehen werden“, sagte Nair.

Dies ist bereits die zweite Einschränkung des Betriebs eines wichtigen Containerterminals in China in diesem Jahr aufgrund der COVID-19-Fälle: Ende Mai, Anfang Juni wurde der Yantian International Container Terminal im Hafen von Shanghai teilweise geschlossen und arbeitete über einen längeren Zeitraum auf einem Level von rund 30 Prozent seiner Kapazität. Es dauerte fast einen Monat, bis der Terminal in Shanghai wieder auf vollen Touren lief. Der Containerverkehr wurde damals in andere chinesische Häfen verlagert, was dort zu Staus und Verspätungen führte und einige Wochen später auch in europäischen und nordamerikanischen Häfen zu Überlastungen führte.

An Weihnachten muss man im Sommer denken

Schon damals wurden erste Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und Gewährleistung der Warenlieferungen in der Weihnachtszeit geäußert. Dies mag seltsam erscheinen, wenn man bedenkt, dass es bis Weihnachten noch rund sechs Monate hin ist, aber normalerweise legen die Importeure bereits im August und September Vorräte an und bestellen die Waren, die sie in der umsatzstärksten Zeit am Jahresende verkaufen wollen.

Das Portal Freightwaves gibt an, dass viele Speditionen in den Vereinigten Staaten ihre Kunden vorwarnen, dass sie sich beeilen müssen, wenn sie möchten, dass die bestellten Waren rechtzeitig vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts (das in den USA bereits im November beginnt) eintreffen. Seko Logistics zum Beispiel erklärt, dass sich die Bestellungen wohl 3 bis 4 Wochen länger als sonst an Bord der Container schiffe befinden werden. Und was die Reservierung von Frachtkapazitäten in den Container anbelangt, so sollte diese sogar 8 Wochen früher vorgenommen werden!

Ein anderes zitiertes Unternehmen – Monroe Consulting – erklärt in einer E-Mail an amerikanische Kunden, dass sich der Zeitraum von der Bestellung bis zur Lieferung gegenwärtig auf über 100 Tage beläuft.

Auch wenn diese Zahlen auf den amerikanischen Markt beziehen, ist anzunehmen, dass sie sich in Europa nicht wesentlich anders gestalten werden.

Darüber hinaus befragte der US-Einzelhandelsverband National Retail Federation (NRF) im Juni seine Mitglieder zu ihrer Reaktion auf Engpässe in den Lieferketten. Damals gaben mehr als 70 Prozent der Befragten an, bereits im Juli und August mit der Bestellung von Waren für den Zenit des Weihnachtsgeschäfts beginnen zu wollen.

Billiger wird es nicht

Diese erhöhte Nachfrage könnte zusammen mit der begrenzten Kapazität des Hafens Ningbo zu einem Druck auf die ohnehin bereits exorbitanten Containergebühren führen.

Die Möglichkeit eines weiteren Anstiegs der Containergebühren bereitet Spediteuren und Importeuren eine Gänsehaut. Zwar hat sich der Preisanstieg in den letzten Wochen verlangsamt, aber er ist immer noch astronomisch hoch. Der World Container Index (WCI) von Drewry lag letzte Woche bei 9421 Dollar und damit um 358 Prozent höher als im Vorjahr. Die Tarife auf den Strecken zwischen China und Europa liegen jedoch auf einem weitaus höheren Niveau. Von Shanghai nach Rotterdam erreichte der Preisindex 13 653 $ (ein Anstieg von 636 Prozent gegenüber dem Vorjahr!) und nach Genua 12 993 $ (556 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2020).

Es ist stark davon auszugehen, dass die europäischen und nordamerikanischen Importeure jeden Preis zahlen müssen, um ihre Warenlieferungen vor Weihnachten sicherzustellen. Sinkende Gebühren in den kommenden Monaten kann man also getrost vergessen (wahrscheinlich bis zum chinesischen Neujahr im Januar 2022). Dieser stetige Anstieg wird sich zweifellos in weiteren Preiserhöhungen niederschlagen. Aber Preiserhöhungen sind eine Sache. Kapazitätsengpässe, geschlossene Terminals und die zunehmende Überlastung der Häfen im Allgemeinen können dazu führen, dass Waren – ob teuer oder nicht – überhaupt nicht mehr rechtzeitig zur Bescherung ankommen.

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