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Europas Logistikbranche und die Schattenseite der Fahrerrekrutierung

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Litauen zählt seit Jahren zu den wichtigsten Akteuren im europäischen Straßengüterverkehr. Zahlreiche litauische Speditionen fahren regelmäßig für deutsche Auftraggeber oder sind fest in europäische Lieferketten eingebunden. Umso genauer schaut die Branche derzeit auf Vorwürfe gegen Teile des litauischen Transportmarkts: Gewerkschaften und Ermittlungsbehörden berichten über mögliche Ausbeutung von Fahrern aus Drittstaaten, problematische Rekrutierungsmodelle und wachsende wirtschaftliche Abhängigkeiten.

Dieser Text wurde vollständig von einem Redakteur verfasst – basierend auf fachlichem Wissen, journalistischer Erfahrung und sorgfältiger Recherche. Künstliche Intelligenz kam dabei nicht zum Einsatz.

Das Thema betrifft längst nicht mehr nur Litauen. Der zunehmende Einsatz von Fahrern aus Nicht-EU-Staaten prägt inzwischen große Teile des europäischen Straßengüterverkehrs – auch auf dem deutschen Markt.

Fahrermangel treibt Rekrutierung außerhalb der EU

Der Hintergrund ist bekannt: Der Fahrermangel bleibt eines der größten Probleme der europäischen Transportbranche. Nach Angaben des litauischen Arbeitsamts meldeten Unternehmen im ersten Quartal rund 3.000 offene Stellen für Fahrer schwerer Nutzfahrzeuge. Etwa zwei Drittel davon entfielen laut tv3.lt auf den internationalen Verkehr.

Gleichzeitig suchten in Litauen im selben Zeitraum nur rund 1.200 Menschen eine entsprechende Beschäftigung – und nur ein kleiner Teil davon war bereit, internationale Touren zu übernehmen.

Wie in Deutschland oder Polen reicht der heimische Arbeitsmarkt damit auch in Litauen nicht mehr aus, um den Bedarf der Branche zu decken. Viele Unternehmen setzen deshalb zunehmend auf Fahrer aus Drittstaaten.

Allein 2025 stellten litauische Firmen mehr als 25.000 Fahrer aus Nicht-EU-Staaten ein. Im ersten Quartal 2026 lag die Zahl bereits bei fast 7.000.

Zu den wichtigsten Herkunftsländern zählen Belarus, Usbekistan, die Ukraine, Tadschikistan, Indien, Kirgisistan und die Philippinen.

Ermittler sehen strukturelle Probleme

Mit dem Wachstum dieser Rekrutierungsmodelle nehmen jedoch auch die Vorwürfe gegen Teile der Branche zu.

Edita Ignatavičiūtė von der Regionalstaatsanwaltschaft Vilnius erklärt, Ermittler betrachteten die Fälle inzwischen nicht mehr als isolierte Verstöße. Vielmehr deute vieles auf strukturelle Probleme in Teilen des Logistikmarkts hin.

„In einem Lager wurde ein Mensch wie ein Anhängsel zur Schaufel behandelt. Hier wird ein Einwanderer wie ein Anhängsel zum Fahrzeug behandelt“, sagte die Staatsanwältin.

Nach Angaben der Behörden stehen derzeit mehr als sechs in Litauen tätige Logistikunternehmen im Fokus laufender Ermittlungen.

Die Ermittler hätten in den vergangenen Jahren deutlich besser verstanden, wie internationale Transportmodelle funktionieren – von Arbeitszeitnachweisen über Zahlungsstrukturen bis hin zu Details des EU-Mobilitätspakets. Gleichzeitig hätten sich auch die Methoden verändert.

Während früher häufiger Dokumente einbehalten worden seien, gehe es heute zunehmend um wirtschaftlichen Druck: künstlich erzeugte Schulden, unzulässige Abzüge oder finanzielle Abhängigkeiten.

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Gewerkschaften warnen vor Schuldenmodellen

Besonders kritisch sehen Gewerkschaften die Rekrutierungspraxis einiger Unternehmen.

Nach Angaben der litauischen Berufskraftfahrer-Gewerkschaft werden Fahrer häufig mit dem Versprechen eines Monatslohns von rund 2.600 Euro angeworben. Verglichen mit Einkommen von 400 bis 500 Euro in den Herkunftsländern wirkt das für viele Bewerber attraktiv.

Um überhaupt einen Arbeitsplatz zu erhalten, sollen Bewerber jedoch teilweise zwischen 3.000 und 5.000 Euro an Vermittler zahlen – häufig finanziert über Kredite.

Nach der Ankunft in Litauen kämen teilweise weitere Kosten hinzu, etwa für Schulungen, Unterkünfte oder Verwaltungsformalitäten.

„Für sie sind das enorme Summen – dadurch geraten Fahrer in eine vollständige Abhängigkeit vom Arbeitgeber“, erklären Gewerkschaftsvertreter.

Die Staatsanwältin Ignatavičiūtė spricht in diesem Zusammenhang von Fällen, in denen Fahrer faktisch wie „eine Nummer auf dem Stundenzettel“ behandelt würden.

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Monatelang Leben in der Fahrerkabine

Die Gewerkschaft verweist außerdem auf konkrete Schilderungen betroffener Fahrer. Als Beispiel nennt sie Juan von den Philippinen.

Nach Darstellung der Organisation wurde ihm ein Job in Europa mit moderner Fahrzeugflotte und guter Bezahlung versprochen. Um die Reise zu finanzieren, nahm er einen Kredit auf und unterschrieb englischsprachige Dokumente, die er nach eigenen Angaben kaum verstand.

Noch vor seiner Ankunft in Litauen habe er mehrere tausend Euro Schulden angehäuft.

In Vilnius sei ihm der Pass „zur Bearbeitung“ abgenommen worden. Wenige Tage später sei er auf Touren nach Westeuropa geschickt worden. Ein Einsatz habe rund sechs Monate gedauert – die Fahrerkabine sei in dieser Zeit faktisch sein Zuhause gewesen.

„Dort hat er gegessen, geschlafen und war krank. Gewaschen hat er sich an Tankstellen, Wäsche per Hand. Und auf den Lohn hat er gewartet – der durch Abzüge immer kleiner wurde“, schrieb die Gewerkschaft auf Facebook.

Nach Angaben der Organisation blieben ihm in manchen Monaten nur wenige hundert Euro.

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Verstöße gegen das Mobilitätspaket

Kontrollen im Jahr 2025 brachten zudem Verstöße gegen das EU-Mobilitätspaket ans Licht – insbesondere Fälle, in denen Fahrer nicht an ihren Wohnort zurückgebracht wurden.

Nach Angaben von tv3.lt befassten sich die Arbeitsstreitkommissionen 2025 mit mehr als 1.700 Anträgen. Beschäftigten wurden insgesamt mehr als 1,8 Mio. Euro zugesprochen.

Im ersten Quartal 2026 belief sich die Summe bereits auf mehr als 500.000 Euro. Rund 65 Prozent der Antragsteller waren ausländische Staatsangehörige, vor allem aus Usbekistan, Tadschikistan und Belarus.

Auch für den deutschen Markt relevant

Für deutsche Verlader und Speditionen ist die Entwicklung nicht nur ein Thema der Arbeitsmigration, sondern auch der Marktstrukturen.

Litauische Unternehmen gehören seit Jahren zu den wichtigsten Akteuren im europäischen Straßengüterverkehr. Viele von ihnen fahren regelmäßig auf deutschen Relationen oder arbeiten als Subunternehmer für west- und mitteleuropäische Logistiknetzwerke.

Damit stellt sich auch für Auftraggeber in Deutschland zunehmend die Frage, unter welchen Bedingungen Teile der internationalen Transportketten organisiert werden.

Gleichzeitig wächst in der Branche die Sorge vor Wettbewerbsverzerrungen. Unternehmen, die Fahrer über aggressive Kostenmodelle oder problematische Rekrutierungsstrukturen beschäftigen, könnten Preisvorteile gegenüber stärker regulierten Anbietern erzielen.

Branchenverbände warnen vor Pauschalurteilen

Die International Transport and Logistics Alliance (TTLA) weist die Vorwürfe einer systematischen Ausbeutung in der gesamten Branche zurück.

Der Verband betont, man unterstütze eine Null-Toleranz-Linie gegenüber Gesetzesverstößen. Gleichzeitig dürften einzelne Ermittlungsverfahren nicht auf den gesamten Markt übertragen werden.

Nach Angaben der TTLA gibt es in Litauen rund 7.000 Transport- und Logistikunternehmen mit etwa 90.000 Fahrern.

Auch der Verband „Linava“ erklärt, es gebe keine amtlichen Daten, die eine systematische Ausbeutung in Mitgliedsunternehmen belegen würden.

„Sollten solche Fälle existieren, wäre das eine unmenschliche Praxis, die wir eindeutig verurteilen und nicht tolerieren“, erklärte der Verband gegenüber tv3.lt.

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Europas Transportmarkt wird globaler – und konfliktreicher

Der Fall Litauen zeigt, wie stark sich der europäische Straßengüterverkehr verändert.

Der Fahrermangel zwingt Unternehmen zunehmend dazu, weltweit nach Personal zu suchen. Gleichzeitig wächst der Druck auf Behörden und Politik, Arbeitsbedingungen, Rekrutierungsmodelle und die Einhaltung europäischer Sozialstandards stärker zu kontrollieren.

Für die europäische Transportbranche dürfte das Thema damit auch in den kommenden Jahren relevant bleiben – insbesondere auf Märkten wie Deutschland, wo osteuropäische Flotten inzwischen eine zentrale Rolle im internationalen Güterverkehr spielen.

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